Mowgli

Detektiv Mowgli rettet das Haus

Eigentlich gehe ich nur selten in den Keller. Manchmal brauche ich eben mal ein paar Schrauben oder stelle etwas ab, was ich später ganz entsorgen will. Aber das kommt nicht oft vor. Nicht, dass ich Angst vor dem Keller hätte, ganz im Gegenteil. Es ist dort einfach nicht schön.

Nun hatte sich Mowgli ein seltsames Verhalten angewöhnt: Wenn wir vom Spaziergang zurückkamen, lief er schnurstracks zur Kellertür und bellte. Das ging mehrere Tage so. Während ich mich bemühte, ihn davon zu überzeugen, dass da nichts ist, wuchs das Crescendo seines Bellens zu ohrenbetäubender Lautstärke, sodass ich Schweißausbrüche wegen der Nachbarn bekam und dem Kumpel die Kellertür öffnete, damit er sich selbst überzeugen kann, DASS DA EINFACH NICHTS IST. Er rannte die Treppe hinunter, schaute sich kurz um, kam wieder zurück – und bellte weiter. Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Nach einigen Tagen fiel mir ein übler Geruch auf, wenn ich die Kellertür öffnete, und in meiner Fantasie sah ich eine dicke tote halbverweste Ratte mit langen gelben Zähnen auf dem Kellerboden liegen. Schließlich fasste ich den mutigen Entschluss, die Ratte zu bergen, und folgte Mowgli in den Keller. Eine Ratte war nirgends zu sehen, dafür stand Wasser auf dem Kellerboden, das vor sich hingammelte. Es war schon in die Wände gezogen und unter Kisten, die dort herumstanden, hatten sich schwarze Ränder gebildet… Ein Disaster! Umso mehr, wenn es nicht entdeckt worden wäre!

Warum bin ich eigentlich nicht sofort auf die Idee gekommen, selbst mal nachzusehen? Ich muss gestehen, ich habe Detektiv Mowgli nicht für voll genommen. Außerdem hatte ich den Kopf mit wichtigen Dingen voll. Und irgendwie wollte ich mich auch dem vermuteten Grauen nicht stellen… – hatte ich erwartet, es geht von selbst wieder weg? Ich war halbbewusst, mein Hund aber hellwach. Seitdem ich nun den Grund für seine Meldung herausgefunden und mich darum gekümmert habe, können wir wieder spätabends nach Hause kommen, ohne dass die Nachbarn aus dem Bett fallen müssen.

Da ich gerne aus derlei Vorfällen eine Lehre ziehe, lautet sie diesmal ungefähr so: Auch wenn mir etwas nicht gehört, sondern zur Nutzung überlassen ist, trage ich die Verantwortung dafür, dass es in einem guten Zustand ist. Dabei macht es keinen Sinn, nur auf die Ordnung in der Wohnung zu achten, wenn die Luft durchsetzt ist vom Gestank, der aus dem Keller kommt. Sich nicht darum zu kümmern ist wie die Decke über den Kopf zu ziehen, wenn man draußen ein Monster vermutet. Es geht darum, sich der Verantwortung zu stellen – mit allen Konsequenzen. Der Ort, an dem ich lebe, ist mein Lebensraum, meine Sphäre. Und der soll geordnet und schön sein, sodass es eine Freude ist, sich darin aufzuhalten. Wo Freude ist, stellen sich auch Liebe und Harmonie ein. Meine Sphäre wird zu einem Raum, an dem die Seele atmen kann.

Die zweite Lehre, die ich ziehe, ist, dass ich noch besser auf Mowgli hören sollte. Nun gibt es ja wohl auch immer noch Leute, die in einem Tier wie meinem Hund eine Art selbst atmende Maschine sehen, die ein bestimmtes Programm abspult, das man durch geduldiges Konditionieren beeinflussen kann. Mowglis Verhalten wirft aber Fragen auf: Welchen Grund hatte er, mich aufmerksam zu machen, wenn es sich nicht um eine Ratte (oder ein anderes Tier, das vielleicht in sein Beuteschema passt), sondern um Wasser handelt? Warum blieb er beharrlich bei seiner Meinung und ließ sich nicht davon abbringen – bis ich mir die Sache angesehen habe? Warum ist er jetzt zufrieden und bellt nicht mehr, obwohl der Geruch immer noch deutlich wahrnehmbar ist, wenn wir das Haus betreten?

Na, auf die Erklärung bin ich gespannt…

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